Telekomdrossel – die Zerstörung von (Heim)Arbeitsplätzen?

 

Viele kennen sicher noch die Aussage von Walter Ulbricht „Niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten„.

Wie wir aus der Geschichte gelernt haben: Es kam danach alles doch etwas anders…

 

So wird es uns auch mit der lieben Telekom gehen. Natürlich hat die Aufnahme der Drosselung in die AGB für Neuverträge ab 02. Mai 2013 laut Aussage der Telekom keine (direkte) Auswirkung auf die Kunden, es diene (vorerst) nur dazu, dass man die technischen Möglichkeiten (die schon bestehen) aktivieren und nutzen kann um die Kunden in die Steinzeit der Telekommunikation und des Internets zurück zu bringen.

In den letzten Wochen wurden ja nun Unmengen an Beiträgen zur geplanten Zerstörung der Netzneutralität veröffentlicht. Mittlerweile scheint sogar bei unseren Herren und Damen Politikern diese Problematik angekommen zu sein. Es wird nun öffentlich diskutiert, ob diese Zerstörung des Internets politisch aufgehalten werden kann und sollte.

 

Heimarbeitsplätze

Neben all diesen schon geführten Debatten wurde der Aspekt von Heimarbeitsplätzen (Home Office) bisher recht wenig beleuchtet. Eine große Verbreitung haben diese Arbeitsplätze nicht finden können, so dass sich bisher vll. wenige Leute drüber aufregen. Aber was ist mit all den Leuten, die zu Hause ihren privaten DSL Anschluss (mit)nutzen, um von dort über einen Tunnel in der Firma zu arbeiten? Da wird über verschiedene Möglichkeiten auf entfernt stehenden Systemen gearbeitet. Die Wenigsten werden wohl per SSH arbeiten. Viele jedoch mit RDP oder Citrix. Diese Arbeiten lassen sich derzeit noch gut durchführen, da die Geschwindigkeiten von DSL Anschlüssen ausreichend sind. Citrix kann auch gut genutzt werden, wenn die Anbindung recht schnmalbandig ist. Aber wozu sollte man auf Bandbreite verzichten, ist doch derzeit da. Derzeit….
Wenn die Telekom ihre Androhung wahr macht wird auch das Arbeiten schwer fallen. Verbindungen werden langsam oder stocken. Würde man nun nebenbei noch ein Radio-Stream oder ähnliches machen ist das Arbeiten quasi unmöglich. Es kann und will vll. nicht jeder auf diese Art der Arbeitsplätze verzichten. Für viele ist ein Home-Office die einzige Möglichkeit, am Arbeitsmarkt teilnehmen zu können. Sei es aus gesundheitlichen Gründen, sei es aus finanziellen Gründen.

 

Steuergeschenk – Subventionierung der Telekom

Die vielen Milliarden, die der Telekom damals bei Übergabe des durch Steuergelder bezahlten Telefonnetzes geschenkt wurden, werden nun von dieser in einer weiteren Form missbraucht und der Kunde ist wieder der gearschte. Die Bundesregierung hatte es damals versäumt, aus dem bezahlten Telefonnetz eine staatlich kontrollierte Gesellschaft zu machen, die die Kabel verwaltet. „Bundeskabelanstalt“. Alle Telefonanbieter/ Nutzer von TALs (Teilnehmer Anschluss Leitungen) hätten bei dieser Bundesanstalt zu gleichen Konditionen mit den gleichen Vor- wie auch Nachteilen Leitungen mieten müssen. Gleiche Chancen auf dem Telefonmarkt für alle. Schönes Geschenk an die Telekom. Mit den Folgen müssen nun alle anderen auf dem „liberalisierten“ Markt kämpfen….

 

Wieso die Drosselung jeder Realität entbehrt

Die fadenscheinige Begründung der Telekom, die Netze seien nicht ausgelegt für solche Datenmengen und man müsse dieses etwas begrenzen ist schlichtweg eine Lüge!
Wenn es eine Bandbreitenproblematik gäbe, so würde die nicht damit gelöst werden können, ab Mitte/ Ende eines Monats die Leute aus dem Netz zu schmeißen. Denn am Anfang des Monats haben die Kunden noch ein paar Tage die volle Bandbreite und können diese nutzen. Somit ist das Argument schlichtweg falsch. Um eine Reduzierung der Netzauslastung (die ausreichend dimensioniert ist!) zu erhalten müssten Kunden zu unterschiedlichen Zeitpunkten in die Steinzeit katapultiert werden. Und nicht alle gemeinsam ab dem ersten eines Monats kurze Zeit mit voller Bandbreite.

Es ist einfach nur die Möglichkeit, die Kunden komplett abzuzocken und andere Diensteanbieter massiv zu behindern. So wird man dann wohl in Zukunft bei der T-Com Optionspakete buchen können, die bestimmte Inhalte bzw. Diensteanbieter erlauben. „Option Heimarbeitsplatz“, „Option YouTube“, „Option Onlinebackup“, „Option Nachrichtendienste“, „Option Fotodienste“ usw. usf.

Es gibt de facto keine Bandbreitenprobleme auf Grund der DSL Nutzer. Der Netzausbau ist derart ausreichend (nach derzeitigem Standpunkt), dass selbst mit einer Erhöhung des Datenaufkommens (und davon muss man ausgehen) diese Bandbreite ausreicht. Sollte der Ausbau nicht weiter vorangetrieben werden würde sich das in Stoßzeiten zu einer Verlangsamung von Seitenaufbau (einige Nutzer von Netzanbietern kennen das sicher auch jetzt schon 😉 ) und Verringerung der Übertragungsgeschwindigkeit bemerkbar machen. Aber mit Sicherheit ist dieses kein hinreichendes Problem, die Nutzer in die Steinzeit zu befördern.

 

Werbung – Für wen denn noch?

Da wirkt die Werbemaßnahme der Telekom auf großen Plakatwänden ja schon beinahe wie ein Schlag ins Gesicht:

          „Zuhause wird schnell„.

telekom_schnell_werbetafel

 

Schnell erreicht man höchstens das winzige Limit der T-Com und kann ab dann mit beinahe Modemgeschwindigkeit den Rest des Monats versuchen, Inhalte im Netz zu erreichen.

 

Warum ist die Drosselung ein großes Problem für Dienste und Anbieter?

Neben den schon genannten Problemen, dass man viele Dienste (Onlinebackup, Fotodienste, Streamingdienste, Internetradio, Heimarbeitsplatz usw.) nicht mehr (sinnvoll) nutzen kann kommt noch das zusätzliche Problem der Erhöhung der Paketlaufzeiten. Ist eine Leitung annähern voll (was bei 364KBit/s schnell erreicht ist) erhöht sich die Laufzeit der IP Pakete. Diese Erhöhung fördert weitere Probleme zu Tage: Sollte man als „böser Telekomkunde“ auch noch die Frechheit haben, bei einem SIP/ VoIP Provider einen „Telefonanschluss“ nutzen zu wollen wird die Telefonie durch hohe Paketlaufzeiten gestört. Hohe Laufzeiten der IP Paketeerhöhen dann auch noch die Neusendeversuche, so dass noch mehr Pakete die Leitung verstopfen. Andere Pakete werden verworfen.

In Kurzform: Man kann es eigentlich gleich vergessen, noch irgendwas machen zu wollen. Das Internet ist damit beim Kunden funktional kaputt.

 

Warum Geschenke des Staates an Privatunternehmen schlecht sind

Das Vorgehen des Staates, eine Grundversorgung aus der Hand zu geben und von Steuergeldern bezahlte Infrastruktur an ein Privatunternehmen zu verschenken ist schon eine Frechheit an sich. Der Steuerzahler hat über Jahre Geld dafür bezahlt, dass Kabel gelegt werden. Das Privatunternehmen konnte somit ohne große Investitionen starten.
Nun zeigt sich, dass dieses abermals zum Nachteil der Kunden missbraucht wird. Statt die Kabel an ein Privatunternehmen zu verschenken hätte der Staat diese Grundversorgung behalten und sicherstellen müssen. Chancengleichheit für alle Netzbetreiber.
Nun die Kabel aus dem damaligen Bestand wieder in Staatshand zu übernehmen und damit Teile der Telekom zu enteignen wäre sicher eine sinnvolle Sache. Nur wird das unser lieber Staat auch nicht machen. Dafür ist dieser einfach nicht in der Lage. Immer mehr wichtige Infrastruktur wird an Privatunternehmen ausgegliedert. Und wie die sich gegen Wettbewerb auflehnen können sieht man an allen Stellen.

Von Steuergeldern bezahlte Dinge müssen zwingend in der Hand des Staates verbleiben.

 

Was kommt als nächstes?

Wird vll. die Polizei in ein Privatunternehmen übergeben?
„Och, Sie werden überfallen? Leider haben Sie nicht das Paket „Hilfe bei Überfall“ gebucht. Im Standardpaket ist nur eine Reaktionszeit von 24 Stunden nach Meldung inklusive.“

Oder das Schulsystem?
Mit den kostenpflichtigen Paketen „Grundschule“, „weiterführende Schule“, dem Paket „Lesen & Schreiben“ und das teure Zusatzpaket „Schulabschluss“.

Oder die Feuerwehr?
Hier wählbare kostenpflichtige Pakete „Löschen, Reaktionszeit 12 Stunden„, „Löschen, Reaktionszeit 6 Stunden„, dem Premium-Extra-Paket „Löschen und Retten, wir helfen sofort“ und dem Special-Tarifpaket „Leben retten“.

Vielleicht die Autoindustrie?
Die Häufigkeit der Bremsennutzung ist abhängig, wie viel man an den Hersteller monatlich überweist. Überschreitet man das gekaufte Kontingent, so versagt die Bremskraft fast vollständig. Der Bremsweg verlängert sich halt um das rund 10fache.

Was wird uns zukünftig noch bevorstehen?

 

Um sich noch einmal ein Gefühl für das Internet von 1999 in Erinnerung zu rufen sollte man sich einmal ansehen, wie es ist, mit der halben der damals „hohen“ DSL Geschwindigkeit (damals: 768KBit/s) zu surfen: http://www.youtube.com/watch?v=wKyiGoeCYX4&

Liebe Telekom, merke dir einen Satz und sage diesen immer und immer und immer wieder leise zu dir selbst: „Du bist ein KABEL! Mehr nicht!“.

Statt solche Kundenabzocke zu starten sollte die Telekom (und alle anderen Anbieter) lieber mal anfangen, die versprochene „bis zu X MBit/s“ Bandbreite einzuhalten. Bezahlen tun wir als Kunden diese Versprechen voll, erhalten jedoch oft nur einen geringeren Anteil an der „bis zu“ Bandbreite.

 

Links

http://www.golem.de/news/flatrate-verbraucherzentrale-mahnt-telekom-wegen-drosselung-ab-1305-99106.html
http://mobilemacs.de/2013/04/mm108-funktional-kaputt.html

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4 Antworten zu Telekomdrossel – die Zerstörung von (Heim)Arbeitsplätzen?

  1. Joachim sagt:

    Dass die Begründung für die Drosselung widersinnig ist, zeigt doch alleine die Tatsache, dass bei geringer Grundgeschwindigkeit das Volumen (Ich nutze immer die Bezeichnung Volumen, denn Bandbreite ist IMHO der richtigere Begriff für die Geschwindigkeit) auch gering ist und gerade die hohen Geschwindigkeiten, die ja verstärkt zu den Engpässen führen würden die größten Volumen haben. Eigentlich müssten doch die „Poweruser“ (wie ich) bestraft werden?

    Daraus folgt doch eindeutig, dass hier keine technische Begründung vorliegt, sondern nur versucht wird abzuzocken.

    Ich habe als einer der ersten Teilnehmer am KabelTV Angebot der damaligen Deutschen Post meinen kompletten Anschluss (damals so um die 1000DM) selbst bezahlt. Später konnten Nachbarn für die normale Anschlussgebühr den Anschluss bekommen. Eigentlich gehörte die letzte Meile sogar mir. Bei der Telekom bekam ich dann noch einen etwas günstigeren Tarif, aber dann hat die Telekom MEIN Stück Kabel einfach an Unity Media verkauft (oder zuerst Kabel Deutschland)

    Bin lange Jahre bei 1&1 und hoffe dass die nicht mitziehen (müssen), da ich noch an t-ipconnect.de also Telekom Kabel hänge.

    Mein Provider hier in Kanada bietet seit kurzem auch höhere Geschwindigkeiten an (bisher mac 25/2, jetzt bis zu 100/10). Hier haben alle Geschwindigkeiten momentan das gleiche Volumen (300G). UND in der Zeit von 02:00 – 08:00 hat man auch hier unbegrenztes Volumen, bzw. das Volumen in dieser Zeit wird nicht gezählt! Das macht mehr Sinn. Übernutzung in der restlichen Zeit wird mit 0,25c mit einer Deckelung bei 25$ bestraft (was 100G mehr bedeutet). Aber bei allen Tarife gibt es unbegrenztes Volumen gegen Aufpreis (1-25MBit/s – 5$, 50MBit/s 15$, 100MBit/s – 25$). Dieses Konzept scheint mir zumindest logischer als die Planungen der Telekom.

  2. Peter sagt:

    Durch die Komprimierung bei Citrix ist ein Arbeiten remote sehr wohl noch möglich. Zudem diese eine geringe Bandbreite benötigt und somit dem Home Office nicht wirklich zu Buche schlägt. Außerdem ist zu beachten bei Home Office, was man wirklich remote macht. Ich arbeite selbst zuhause und brauche nur sehr wenig einen Fernzugriff (ca. 1 h pro Monat).

    Selbst Citrix gibt dazu Beispiele, dass bei Nutzung von Microsoft Office selbst eine ISDN-Leitung reichen würde, sprich < 64kbit. Werden Videos gestreamt, ist das natürlich ein anderes Thema, aber wann kommt das schon vor im beruflichen Alltag?

    Der Artikel macht aus meiner Sicht bezugnehmend auf Home Office Arbeitsplätze nur unnötig die Pferde scheu.

    • rotzoll sagt:

      Nicht jeder nutzt Citrix 😉

      Ja, Citrix schrumpft den benötigten Datenbedarf stark ein. Es gibt aber auch andere Protokolle und gebräuchliche Lösungen, die mehr Bandbreite erfordern. Und da wird es dann schon eng.

      • Peter sagt:

        Welche?
        RDP ist sehr nah an Citrix inzwischen. Was anderes ist für den „Arbeitsmarkt“ unüblich. Citrix ist zudem sehr stark verbreitet, alleine durch die Trade-in-Aktionen für XenDesktop. Sehr wahrscheinlich gibt es in ganz Deutschland keinen unterlizensierten Citrix-Kunden mehr im Bereich XenApp / XenDesktop 😉

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